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Interview

Achim Karatas | „Statt Klingelbüchse und Spendendose“

       04. Dezember 2015       

Die Berliner Tafel ist eine Erfindung der Hauptstadt. Ehrenamtliche Mitarbeiter verteilen Lebensmittel, die der Handel nicht mehr verkauft. Zurzeit ist eine Tafel Schokolade im Handel, die das Spenden versüßt. Achim Karatas ist Fundraiser und erklärt die Funktion der Hilfsorganisation.

Fundraiser – das klingt ziemlich imposant. In Deutschland versteht man diesen Begriff jedoch eher als Spendensammler.

Ein Fundraiser ist jemand, der sich Gedanken macht, wie man strategisch Spendengelder und Mitglieder für gemeinnüt­zige Organisationen organisiert. Ich sammle nicht nur Spenden mit der Klingelbüchse, wie man das halt so denkt. Die Idee ist, mit einem Produkt Spenden zu sammeln. Mit etwas, was den Menschen Spaß macht. Und Schokolade schmeckt ja fast jedem und gleichzeitig tut man damit etwas Gutes, indem eine Spende an die Berliner Tafel fließt.

Die Tafel Schokolade kostet zwei Euro. Das ist kein hoher Preis für eine Bio-Schokolade. Wie funktioniert das, dass dabei etwas übrig bleibt?

Der Handel schießt alles vor, d.h. der Großhan­del kauft vom Hersteller ein Kontingent an und zahlt auch die Rechnung. Er verkauft die Tafeln an die Biogeschäfte wie basic AG, Bio Company, Denn's, LPG und die Speisekammer zum Beispiel. Die kaufen dann von dem die Men­gen, die sie haben wollen auf und zahlen nur die Produktionskosten. Auf Gewinn verzichten sie alle. Das heißt also, der Hersteller stellt die Schokolade zum Selbstkostenpreis her. Der Handel verdient nichts daran und der Groß­handel macht einen super Service für uns, der normalerweise ziemlich viel Geld kosten würde.

Und wie viel bleibt übrig?

Ungefähr 86 Cent pro Tafel.

Sie haben sich nun die beste Zeit für den Verkauf von Schokolade ausgesucht ...

Ich glaube, der menschliche Körper schaltet irgendwann im November auf Schokolade um. (Lacht)

Und die Spendenbereitschaft ist in dieser Zeit größer?

Deshalb machen Spendenkampagnen auch strategisch Sinn. Obwohl viele Mailings und Spendenaufrufe von verschiedenen Organisa­tionen kommen, geben die Leute mehr als sonst.

Für wen ist das Geld, also die Spende, die dann zusammenkommt?

Wir geben keine Spendengelder an Bedürftige weiter. Die Berliner Tafel sammelt überschüs­sige Lebensmittel ein.

Die Berliner Tafel ruft auch zu einer Aktion auf unter dem Motto „Eins Mehr“. Wie funktioniert das?

In den Supermärkten stehen Helferinnen und Helfer von Laib und Seele (die Aktion der Berliner Tafel mit den Kirchen und dem rbb) und sprechen Kunden an, ob sie ein Produkt mehr als benötigt kaufen und spenden. Diese Aktionen finden drei Mal im Jahr statt und dienen dazu, bestimmte Lebensmittel als Spende einzunehmen, die wir so nicht kriegen, weil der Fokus der Berliner Tafel auf überschüssigem Obst, Gemüse und Backwaren liegt.

Sie sagen extra überschüssiges Obst. Dabei geht es nicht um faule Ware oder Produkte, bei denen das Verfallsdatum abgelaufen ist?

Noch mal deutlich formuliert: Wir holen bei den Lebensmittelmärkten gute Ware ab. Menschen, die in den Supermarkt gehen, erwarten heutzutage, dass der Apfel knallgrün und knackig frisch ist. Der Apfel, den wir kriegen, der ist vollkommen in Ordnung, aber vielleicht ein bisschen weicher, weil er eben schon drei Tage liegt. Im Großen und Ganzen sind das Lebensmittel, die man ohne Weiteres weitergeben kann.

Die Berliner Tafel verhindert die Expansion der Wegwerfgesellschaft?

Wir sind die Lebensmittelretter zugunsten der Bedürftigen. Wir versuchen, so viel wie möglich an frischen Lebensmitteln, Obst, Gemüse sowie Backwaren zu retten.

Die Berliner Tafel als Vermittler, der die Überschussgesellschaft da packt, wo es Überschuss gibt und denen gibt, die es eben nicht haben. Und wer ist das, wie kann man diese Zielgruppe genauer beschreiben? Sind das Obdachlose, sind das Hartz-IV-Empfänger?

Zum Beispiel gehen unsere Lebensmittel an circa 300 soziale Projekte in Berlin. Die Bahnhofsmissionen sind die langjährigsten Kooperationspartner. Wir liefern ihnen jeden Tag das, was sie an frischen Waren brauchen, damit sie dort das Mittagsessen oder das Frühstück machen können. Auch beliefern wir Kinder- und Jugendprojekte. Mittlerweile existiert in Berlin tatsächlich über 35 Prozent Kinderarmut. Eltern schicken ihre Kinder nach der Schule in soziale Projekte, weil sie dort Hausaufgabenunterricht, aber gleichzeitig eben auch was zu essen bekommen.

Einige werden jetzt an den Sozialstaat denken, der solche Probleme lösen sollte ...

So sehen wir dies auch. Wir verstehen uns nicht als Versorger! Wir kaufen kei­ne zusätzliche Lebensmit­tel ein, sondern verteilen nur gespendete Lebens­mittel. Wir arbeiten nach den Tafel­-Grundsätzen des Bundesverbandes.

Und die wären?

Dass die Lebensmittelumverteilung über ehrenamtliche Arbeit passiert, dass es sich um Überschüsse handelt, dass eben keine zusätzlichen Produktionen gestartet werden, dass es keine Ver­sorgung wird. Wir waren die erste Tafel in Deutschland, die unsere Vorstandsvorsitzende Sabine Werth mitgegründet hat. Wir, die Berliner Tafel, sind ganz klar nur Unterstützer für eine Situation. An den Ausgabestellen von Laib und Seele wird der eingesammelte Überschuss an Privathaushalte verteilt. Das geht an Hartz IV­Empfänger, Rentne­rinnen und Rentner, Studentinnen und Studenten. Das be­kommen jetzt auch Flüchtlinge, die eben nachweisen, dass sie hier registriert sind, die ihre Aufenthaltsgestattung haben.

Gibt es pro Person eine bestimmte Menge oder wird der Bedarf individuell eingeschätzt?

Die Ausgabestellen von Laib und Seele haben nur einmal pro Woche geöffnet. Die ausgegebene Lebensmittel­menge variiert. Weil viele Menschen schon seit Jahren zu den Angestellten kommen, kennt man deren Geschichte. Das soll für zwei bis drei Tage reichen. Das ist nicht so gedacht, dass sie damit eine Woche über die Runden kommen, sondern das ist eine Zusatzunterstützung, zu dem, was durch die Rente oder den Hartz­-IV­-Satz nicht abgedeckt werden kann. Im Grunde genommen soll Laib und Seele den Menschen ermöglichen, einen abwechslungsreicheren Speiseplan hinzubekommen, weil sie eben frische Lebensmittel kriegen, die sie sich so vielleicht nicht leisten könnten. Gleichzeitig können sie etwas spa­ren und mal ins Kino gehen oder eine kulturell interessierte Person kann eben doch mal ins Theater ge­hen. Letzten Endes kann und darf Armut oder Bedürftigkeit ja nicht dazu führen, dass ein Mensch geistig verarmt, weil er sich kulturell nicht mehr interessieren kann. Man muss an den Ausgabestellen einen Einkommensnachweis vorlegen. Und wer eine bestimmte Summe überschrei­tet, bekommt auch nichts.

Ist das in allen Bezirken so geregelt?

Ja. Die Höhe richtet sich nach der Höhe der Hartz IV­-Leistungen und Leistungen nach dem SGB XII.

Zurück zur Berliner Tafel. Mit welchem Aufwand holen Sie die Lebensmittel und wie verteilen Sie die?

Es sind 14 Sprinter täglich von morgens 8 Uhr bis 16 Uhr unterwegs. Wir haben einen Logistiker, der das organisiert, einen Fuhrparkleiter, der aufpasst, dass die Autos auch überall da sind, wo sie hinmüssen, und dass der Fuhrpark in ordentlichem Zu­stand bleibt. Das sind alles Festan­gestellte.

Aber Sie hatten vorhin gesagt: ehrenamtlich, jetzt reden wir von Festangestellten?

Die Fahrzeuge werden von Ehren­amtlichen gefahren. Auch die Verteilung der Lebensmittel ist eine ehrenamtliche Arbeit.

Aber die Einholung funktioniert mit Angestellten und dafür sind die Spendengelder?

Nur die Koordination erfolgt durch Festangestellte. Der Logistikchef ist angestellt, der Fuhrparkleiter ist angestellt. Bei der Größe brauchen wir einen Hygienebeauftragten, der darauf achtet, dass alles ordentlich bleibt im Lager, dass bestimmte Hygienestan­dards eingehalten werden. Er untersucht die reinkommenden Lebensmittel. Es gibt auch Unternehmen, die versuchen uns Sachen, die schon ein Jahr abgelaufen sind, un­terzujubeln. Wir schicken das auf deren Kosten zurück. Wir übernehmen nicht die Entsorgung.

Werden Sie denn auch politisch gefördert?

Die Berliner Tafel möchte generell keine politische Förderung. Wir wollen unabhängig sein und unabhängig bleiben. Wenn wir mal was sa­gen wollen, was vielleicht gegen die Lebensmittelproduktion und diesen Wahnsinn im Anbau geht, Thema Pestizid und verseuchte Böden – das wollen wir nennen und nicht kuschen müs­sen, weil wir von der Politik unterstützt werden, die diese generellen Entscheidungen trifft. Wir wollen uns nicht wie eine Fahne im Wind drehen, je nachdem wer gerade im Roten Rathaus sitzt.

Sie haben noch eine weitere Aktion ins Leben gerufen, nämlich die Suppe mit Sinn.

Berliner Restaurants und Hotels haben eine Suppe auf der Karte, bei der jeweils ein Euro dieser Suppe an die Berliner Tafel geht, das läuft jetzt im dritten Jahr.

Kommt das denn gut an? Sind denn nicht die Österreicher die Suppenkünstler?

Die Suppe mit Sinn ist auch eine Wiener Idee. Die Wiener Tafel hat das vor fünf Jahren angefangen. Das haben wir dort gesehen und gefragt: Dürfen wir das in Berlin umsetzen? Die fanden das toll, dass die Mutter der Tafeln in Westeuropa sich bei ihnen eine Idee holt. Dann haben wir das hier umgesetzt, mussten aller­dings feststellen, dass es in Wien scheinbar besser läuft. Die Leute haben dort zum Thema Suppe einen ganz anderen Zugang.

Noch mal eine andere Frage: Macht sich die Flüchtlingsbewegung bemerkbar?

Ja, es gibt Ausgabestellen, die merken schon ei­nen ganz deutlichen Zuwachs, wo wirklich viele Flüchtlinge hinkommen. Es gibt auch welche, die merken gar nichts, obwohl direkt ein Flücht­lingsheim daneben ist. Es ist ganz komisch, da wo keines ist, sind viele Flüchtlinge, da wo eines ist, kommen keine oder nur sehr wenige.

Gibt es Konflikte, dass z.B. die Bedürftigen, die nicht Flüchtlinge sind, das Gefühl haben, es wird ihnen etwas weggenommen?

Wahrscheinlich wird es das hier und da mal geben. Aber das kriegen wir nicht direkt mit.

Erheben Sie eigentlich Zahlen, wer wie oft Unterstützung benötigt?

In den Ausgabestellen werden lediglich Name, Datum des Leistungsbescheides und Gültig­keitsdauer sowie Größe der Bedarfsgemein­schaft notiert. Wir wissen nur, dass sich das Bild der Bedürftigkeit stark verändert hat. Heute bemerkt man die bedürftige Person anhand der Sprache, wenn es ein Flüchtling ist, der halt kein Deutsch kann. Oder man merkt es am Äu­ßeren: Ist es eine ältere Person, das heißt eine Rentnerin oder ein Rentner, der nicht mit sei­ner Mini­-Rente rumkommt. Oder man merkt, dass es jemand ist, der durch die Hartz­-IV­-Re­form leider nach einem halben Jahr schon in der Hartz­-IV­-Maschinerie drinsitzt. Da merkt man dann schon, dass die Klientel heterogener ist. Früher war es mehr homogen. Man konnte von der Ferne sehen, was los ist. Und heute ist es in bestimmten Stadtbezirken heterogen. Es sind genauso 20-­jährige Studentinnen und Studenten wie Rentnerinnen und Rentner. Und aus dem mittleren Bereich, wo irgendwie der Job weggebrochen ist, bei dem man noch 1600 netto verdiente und jetzt ist der Job weg und meistens ist nach sechs Monaten Hartz IV angesagt.

Interview: Eva-Maria Hilker, Foto: Lena Sachse

Berliner Tafel, berliner-tafel.de


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