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Interview

Anton Hofreiter | „Große Fische schlucken die kleineren“

       10. März 2016       

Der Bündnisgrüne Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter hat Brasilien mehrmals besucht. seine letzte Reise durch das Soja-Anbaugebiet zeigt deutlich, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Ernährungsverhalten in Deutschland und der EU sowie den Flüchtlingsströmen jetzt und in der Zukunft.

Was war der Hintergrund der letzten Reise nach Brasilien?

Ich wollte mir die gigantischen Soja-Anbaugebiete in Südamerika genau anschauen, wo große Mengen unseres Tierfutters herkommen. Was ist da der ökologische Zustand? Wie steht es um die Menschenrechte? Wie ist die politische Situation und was können wir politisch tun?

Um Missverständnissen vorzubeugen – es geht dabei nicht um das Soja für die Tofu-Produktion?

Nein, das importierte Soja landet fast ausschließlich in den Futtertrögen der Tierhaltung. Wir setzen es vor allem zum Mästen unserer Hühner und Schweine, inzwischen vermehrt auch bei der Rindermast ein. Obwohl das ja eigentlich Wiederkäuer sind, aber die werden inzwischen auch mit zusätzlichem Eiweißfutter gefüttert. Über das Fleisch landet das Gen-Soja dann letztendlich auch auf unserem Teller. Brasilien ist mit Abstand unser größter Sojalieferant, dann kommt Argentinien und dann Paraguay – relativ weit abgeschlagen, weil das Land auch viel kleiner ist.

Ihr Besuch letztes Jahr war ja nicht der erste ihrerseits?

Als Biologe war ich schon öfter in Südamerika auf Forschungsreisen – das erste Mal 1991. Wo heute Agrarwüsten sind, waren damals, vor 24 Jahren, überall noch dichte Regen- und Buschwälder, zum Teil auch kleinere Bauerndörfer. Das Biotop wurde weitgehend zerstört, die natürliche Vegetation ist nur noch bruchstückhaft vorhanden. Das hat Folgen auch für den Boden. Die Regenwaldböden sind sehr empfindlich. Die haben eine sehr dünne Humusauflage und durch die Rodung der Wälder gibt es keinen Halt oder Schutz des Bodens. Und wenn es ein paar Mal regnet, dann ist der gesamte Humus weg. Vor Ort haben wir Felder gesehen, die bestehen nur noch aus ausgelaugtem, totem Sand. Da kann man nur noch durch einen hohen Einsatz von Kunstdünger und Spritzmittel Ackerbau betreiben.

Und auf diesen Flächen findet im großem Stile Soja-Anbau statt.

Ja, in industriellem Stil. Große Grundbesitzer haben bis zu 250.000 Hektar Land. Wir haben einen mittelgroßen Bauern getroffen, der hatte 15.000 Hektar. Bei uns in Deutschland hat ein großer Bauer 100 Hektar, früher besaß ein großer Bauer in Oberbayern 30 bis 40 Hektar. Das sind andere Dimensionen als hier.

Vielleicht naiv gefragt, aber wie kommt man zu so einer Riesen-Anbaufläche?

Wie so häufig: Große Fische schlucken die kleineren. Den kleinsten Sojabauern, den wir getroffen haben, der auch unter großem Druck steht, sein Land zu verkaufen, der hatte 400 Hektar. Und wir haben Kleinbauern getroffen, die haben ungefähr fünf, sechs oder zehn Hektar. Unter anderem einen Mann, der lange Vorsitzender der örtlichen Kleinbauerngewerkschaft war und sich für die Rechte von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und Indigenen eingesetzt hat. Er hat mir erzählt, dass es ein Wunder ist, dass er noch lebt. Als er nämlich mit seinem Pick-up-Wagen unterwegs war, wurde er auf der Straße gestoppt. Dann hat ihm ein bekannter Killer eine Waffe an den Kopf gehalten. Er war sich eigentlich sicher, dass er jetzt sterben muss, aber aus irgendeinem Grund ist er nicht erschossen worden. Es werden in der Region auch regelmäßig Menschen ermordet, bei Konflikten um Land. Die katholische Landpastorale, eine Unterorganisation der katholischen Kirche, führt eine traurige Statistik darüber.

Die Politik der Bundesrepublik kann nicht behaupten, dass sie die Zustände nicht kennt?

Sowohl Indigene als auch Kleinbauern werden vertrieben und zum Teil sogar ermordet. Die Landkonflikte nehmen in letzter Zeit sogar wieder zu. Wir haben uns mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz und Vertretern der katholischen Landpastorale getroffen, die uns das bestätigt haben. Wir haben Sie in Cuiabá, der Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso, getroffen. Allein im Bundesstaat Mato Grosso wurden 2015 mehr als 2000 Familien von ihrem Land vertrieben. Die Landkonzentration auf wenige Großgrundbesitzer nimmt dagegen zu. Und noch eine andere Problematik ergibt sich durch die monokulturelle Nutzung der riesigen Agrarfläche. Eine Folge ist, dass in einer Kleinstadt, die von landwirtschaftlicher Fläche umschlossen ist, trotzdem Lebensmittel aus weit entfernten Regionen importiert werden müssen, weil nur Mais und Soja für Viehfutter angebaut wird. Fast alle Kleinbauern sind ja vertrieben worden. Deswegen müssen eben Lebensmittel aus Hunderten Kilometern Entfernung herangekarrt werden.

Der Verbraucher an der Fleischtheke hat das wohl nicht vor Augen?

Kann er ja nicht und es trifft ja auch nicht auf alles zu, was angeboten wird. Aber wo es zutrifft, bemühen wir uns, das auch öffentlich zu machen. Das ist einer der Gründe, warum wir sagen, dass sich bei uns in Sachen Massentierhaltung und an der Art, wie wir Fleisch produzieren, etwas ändern muss. Neben all den Schäden, die es bei uns gibt, sind einfach die Schäden in den anderen Ländern und die Folgen für die Menschen sehr groß. Zusammenhänge mit Landvertreibungen und sogar Ermordungen lassen sich nicht ignorieren.

Werden das Fluchtgründe? Werden irgendwann Brasilianer deshalb hier um Asyl bitten?

Die Menschen dort flüchten in die Slums der großen Städte. Und sie flüchten zum Teil auch weiter, in Richtung Nordamerika. Aber im Grunde genommen gibt es einen großen Sojakreislauf, der auch Flucht auslöst. Die Kleinbauern, Indigenen und der Regenwald werden zerstört. In hunderttausend Hektar großen Betrieben wird gentechnisch verändertes Soja angebaut. Es wird extrem viel gespritzt, mit Glyphosat, das ist ein Totalherbizid, das alles pflanzliche Leben abtötet, bis auf die gentechnisch veränderte Pflanze. Durch die gigantischen Flächen und gnadenlosen Bedingungen wird das Soja relativ günstig zu uns exportiert. Deutschland ist der größte Mäster innerhalb der EU. Die großen Staaten in der EU mästen dann mit dem Soja ihre Schweine und ihre Hühnchen. Bei uns werden bloß die guten Fleischteile verwendet, wie zum Beispiel beim Geflügel die Brust und die Keule. Da das in gigantischem Maßstab produziert wird, ziemlich kostengünstig ist und die Landwirtschaft auch pro Fläche Subventionen erhält, werden die Teile, die bei uns nicht gegessen werden, kostengünstig nach Westafrika exportiert. Das zerstört dort wiederum die lokale Landwirtschaft.

Das bitte noch mal – der Soja-Anbau in Brasilien macht die Massentierhaltung in Deutschland rentabel, sodass wir den Kleinbauern mit unseren Billigexporten preislich unterbieten können?

Ja, die Dumpingfleisch-Exporte führen dazu, dass zum Beispiel Menschen in Westafrika die Lebensgrundlage geraubt wird, weil sie preislich nicht mithalten können. Die Kleinbauern haben keine Chance gegen die billig importierten Reste von unserer Geflügelwirtschaft. Hier gelten diese Menschen dann als Wirtschaftsflüchtlinge, dabei hat die ungerechte Globalisierung ihre Lebensgrundlagen zerstört. Armut und Verteilungskämpfe sind Mitursachen für Bürgerkrieg, weswegen dann immer mehr flüchten.

Was also kann der Einzelne, der Konsument daran ändern?

Sich informieren – und wenn die Politik endlich für klare Kennzeichnung sorgt – nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Als Grüne wollen wir einen Ausstieg aus der industriellen Massentierhaltung. Die Tiere sollen anständig gehalten werden. Und wir brauchen fairen Handel. Es gehören Mindeststandards her: Keine Tierquälerei, keine Massensoja- Importe, der die Vertreibung von Kleinbauern andernorts auslöst. Keine Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlage durch Gifte in Wasser, Luft und Boden.

Interview: Eva-Maria Hilker, Foto: Andreas Rost


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