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Interview

Christoph Hinderfeld | „Das ist die typische Moabiter Mischung“

       04. Dezember 2015       

Die Arminiusmarkthalle wird allmählich wieder zu neuem Leben erweckt. Zu verdanken hat sie das unter anderem Christoph Hinderfeld. Er ist der Mann, der das nötige Know-how und das nötige Kapital besitzt, um der Markthalle Zeit zu lassen, um sie den realen Umständen Moabits erfolgreich anzupassen.

Wie kommt man dazu eine Markthalle zu kaufen?

Ich habe schon immer die Idee mit mir herumgetragen von einem speziellen Ort, der nicht vom Kapitalmarkt getrieben ist. Der Chancen eröffnet, weil er faire Konditionen anbietet. Vor rund fünf Jahren sind ja die Berliner Markthallen privatisiert, sprich zum Verkauf angeboten worden.

Kurz zu ihrer Person – Sie sind in Essen geboren ...

Ursprünglich waren meine Vorfahren Bauern aus dem Bergischen Land, meine Großmutter kam aus einer namhaften Kunstkritikerfamilie, aus dem sogenannten Geldadel. Mein Vater war Arzt, es gab die unterschiedlichsten Einflüsse. Doch letztendlich habe ich BWL studiert. Und schon damals war mein Interesse am Weinanbau groß. Ich habe ein Großteil meiner Jugend im Weinberg auf Weingütern verbracht, ich hatte Spaß daran.

Sie hatten aber auch eine Textilfabrik?

Zehn Jahre lang, von 1990 bis 1999. Doch die Produkte der hiesigen Textilbranche haben keinen Markt gefunden. Es hat ja alle in der Branche getroffen. Die deutsche Textil- Branche? Gibt es doch nicht mehr. Und daraus ist eben auch die Idee einer Zunft entstanden. Das Problem ist ja nicht, dass gute Produkte keine Kunden finden, das Problem ist, dass die Transaktionsbedingungen für gute Produkte zu teuer sind.

Für Wirtschaftslegastheniker: Was sind Transaktionsbedingungen?

Wenn ein Geschäft am Ku’damm, wo der Quadratmeter 300 Euro Miete kostet, zum Beispiel ein Van-Laack-Hemd anbietet, dann muss die Marge von Produktionspreis zu Verkaufspreis ausgeglichen werden. Und das ist das Hemd ja nicht Wert, also 300 Euro Quadratmetermiete. Der Handel kalkuliert zudem pauschal, das bedeutet, dass ein gutes Produkt, das teuer hergestellt wird, künstlich überteuert wird, im Vergleich zu einem nicht ganz schlecht hergestellten Produkt, das einen günstigeren Vertriebsweg hat.

Zurück zur Markthalle – es fällt auf, dass Sie hier eine wilde Mischung als Mieter haben.

Ich habe hier keinen der Altmieter gekündigt. Die Veränderung, also die Mischung ergibt sich – ganz nüchtern ausgedrückt – durch den Alterungsprozess. Irgendwann hört einer auf und ein Jüngerer folgt nach, der den Stand dann hübsch macht. Wir pflegen hier tatsächlich ein lustiges kunterbuntes Durcheinander. Wir dürfen nicht vergessen, wir sind in Moabit.

Das hier besitzt schon einen sehr speziellen Charme, der Blick nach oben offenbart die Arminiusmarkthalle als architektonisches Juwel, der nach unten auf die Stände eher Mittelmäßigkeit.

Das ist die typische Moabiter Mischung. Ein Drittel der jetzigen Mieter war bereits von Anfang an hier drin. Wir haben die Bestandsverträge übernommen. Ich kann Norma zum Beispiel nicht rausschmeißen, da existiert ein geltender Vertrag. Und dann gibt es wieder Ideen, da kam ich nach der ersten Analyse zu dem Schluss, das passt nicht. Doch dann habe ich den Menschen kennengelernt, der dahinter steht. Und da habe ich mir gesagt, dem werde ich seine Perspektive nicht verbauen. So zum Beispiel dem Mann vom Blumenladen: Der muss bis an sein Lebensende arbeiten, der hat nie für die Rente gesorgt. Doch ich erkenne seine Lebensleistung an. Und ich möchte doch selbst nicht, dass mich jemand unfair behandelt, wenn ich alt bin. Ich besitze Emotionalität und beurteile die Lebensleistung eines Menschen nicht nach kommerziellen Zwängen. Ich verliere hier kein Geld. Ich benehme mich auch nicht wie ein durchschnittlicher Immobilienentwickler, dann sähe das hier ganz anders aus.

Die Arminiushalle hat sich jetzt nach einigen Jahren doch zu einer guten Adresse gemacht?

Jetzt beginnt die Zeit, in der wir die Ernte einfahren, sprich: Jetzt bekommen wir Anfragen von neuen Händlern. Aber ich ändere an der aktuellen Konstellation erst mal nichts. Es ist ein prima Investment, aber ich finde es toll, dass es eine Moabiter Mischung bleibt. Wir haben damals zu fairen Bedingungen die Halle gekauft und das Grundstück auf Erbbaurecht gepachtet. Wir haben behutsam saniert, sodass die Mieten so bleiben konnten wie sie waren. Zum Teil haben wir sie sogar gesenkt.

Das heißt, Sie haben ausreichend finanzielle Reserven?

Ich besitze noch eine Aktiengesellschaft, die Weingüter verkauft. Gerade habe ich zwei gute Deals gemacht. Mit diesem Unternehmen habe ich eine Nische entdeckt. Viele Investoren haben Spaß an Wein und Weingütern. Ich kenne mich seit meiner Jugend damit aus und bin zudem völlig unabhängig.

Wie beurteilen Sie ihre Mitbewerber? Zum Beispiel die Markthalle Neun, die eine große Anziehungskraft besitzt, die über nationale Grenzen hinausgeht.

Ich beglückwünsche die Halle für ihren Erfolg. Doch die Betreiber verfolgen ein ganz anderes Konzept. Dort herrscht ein ganz anderer Spirit, dort wird eine ganz andere politische, ideologische Richtung eingeschlagen. Unser Spirit ist eher pragmatisch. Es muss nicht alles ökologisch und politisch korrekt sein. Es muss Lebensrealität widerspiegeln. Deshalb ist das hier eben so wie es ist. Trotzdem stehen Leute im Fokus, die wissen was sie tun und hinter ihrem Produkt stehen und eine Geschichte erzählen können über das, was sie tun. Es muss Herzblut und Verlässlichkeit vorhanden sein.

Wie sehen die Mietverhältnisse aus?

Wir haben hier feste Mietverhältnisse. Die Leute müssen ihren Laden von Montag bis Samstag betreiben. Und ein Event-Geschäft ist eben etwas anderes, auch von der Personalplanung und den Verpflichtungen, die die Gewerbetreibenden eingehen. Das Rosa Lisbert kann nur so gut funktionieren, weil sie gutes Personal haben, das angemessen entlohnt wird. Wenn ich kleines Business mache, zum Beispiel nur Donnerstagabend on Tour bin, das kann ich auch noch neben einem anderen Job nebenher machen.

Ist ein Marktangebot ähnlich eines Wochenmarktes also illusorisch? Markthallen wie in Lissabon, Barcelona – ist Berlin überhaupt für so eine Markthalle bereit? Oder ist das nur eine Illusion, die dem Urlaub geschuldet ist?

Das wird es tatsächlich in Berlin so nicht geben. Das hat der Verbraucher bereits mit den Füßen entschieden. Die Markthallen haben als Regionalversorger keine Perspektive, das hat die Vergangenheit doch gezeigt – sonst hätte Berlin sie ja nicht verkaufen müssen. Das hat sicher auch etwas mit einer anderen Esskultur wie in Italien, Spanien oder Portugal zu tun. Wir Deutschen haben keine Markthallenkultur. Gerade in Moabit zu glauben, dass der Moabiter mit seinem Einkaufskorb nicht zu Aldi, Lidl oder sonstigen Discountern geht ist doch naiv. Also funktioniert das hier nur mit einem Alleinstellungsmerkmal. Hier kann auch nur ein einziger Gemüse- und Obsthändler mit einer kleinen Miete existieren. Es schafft doch keiner den Preiskampf der umliegenden Geschäfte auszuhalten. Ein Little Italy schafft man doch nur mit einem Kundenkreis, bei dem Geld keine Rolle spielt. Ich möchte, dass hier jeder kommen und vorne eine Bulette für 1,50 Euro, eine Tasse Kaffee für 60 Cent kaufen kann, aber eben auch Foie gras oder ein Steak oder eine Flasche Champagner für 100 Euro. Es geht mir darum, einen Ort zu schaffen, wo jeder willkommen ist – ohne Dünkel.

Mittlerweile hat sich ja zum alltäglichen Geschäftsleben in der Markthalle auch der Abend eingespielt.

Es haben einige die Idee verstanden und machen aus der Markthalle abends eine Genusshalle – und haben ein zusätzliches Einkommen. Es gibt ein paar sehr erfolgreiche Veranstaltungen, wie alle drei Monate die Lange Nacht des Weines an dem über 1000 Gäste teilnehmen. Und jetzt kommt noch ein Abend des Craft Beers dazu. Das sind flankierende Maßnahmen, die ein Mehr bedeuten für die, die täglich hier ihr Brot verdienen.

Interview: Eva-Maria Hilker, Fotos: Rebekka Csizmazia

Arminiusmarkthalle, Arminiusstraße 2-4, Moabit, Tel. 0178 858 72 97, www.arminiusmarkthalle.com, Allgemeine Öffnungszeiten: Mo-Sa 8-22 Uhr, Lebensmittel: Mo-Fr 8/10-20 Uhr, Sa 8/10-18 Uhr, Gastronomie: 12-22 Uhr


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