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Interview

Kai Stänicke | „Ich weiß, was es heißt, anders zu sein“

       25. November 2013       

Kai Stänicke ist gebürtiger Nordrhein-Westfale. Nach seinem Film- und TV-Produktionsstudium sammelte er Kurzfilmerfahrungen, welche nach seinem Diplom und einer Zeit bei X Filme Creative Pool immer größere Formen annahmen. Seine Filme und Musikvideos wurden international nominiert und gewannen diverse Preise. Zentrales Thema seines Filmschaffens ist die Homosexualität. Im Interview spricht er über seinen Weg zum Coming-Out und seinen neuen Animationsfilm „Own Drum" mit Barbie in der Hauptrolle.

 

Lieber Kai, du wirst ebenso häufig prämiert wie kritisiert. Woher kommt das?

Ich mache Filme, die nicht allen Leuten gefallen und das sollen sie auch nicht. Was meine Filme angreifbar macht, ist die starke Meinung dahinter. Wie wird mit Sexualität und Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft umgegangen? Wo liegen die geschichtlichen Ursprünge dieses Verhaltens? Das sind die zentralen Fragen meiner Filme. Sie sollen zum Nachdenken anregen und Sichtbarkeit erzeugen.

Inwieweit beschäftigt dich die wissenschaftliche Perspektive der Genderthematik?

Der aktuelle Diskurs behandelt die These, dass unser Geschlecht nicht angeboren sondern anerzogen ist. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Sich die Frage zu stellen, warum wir so festgefahren in unseren Geschlechterrollen sind. Wann sind wir männlich? Wann sind wir weiblich? Das Potenzial für beide Richtungen steckt in uns.

Diesen Fragen hast du dich auch selbst einmal gestellt. Wie war der Prozess deines Coming-Outs?

Es war nicht etwas, was plötzlich kam. Ich habe früh gewusst, dass ich anders bin. Ich bin in einer liebevollen und toleranten Familie aufgewachsen und hab erst in der Schule so richtig bemerkt, dass ich irgendwie nicht zu den anderen Jungs passe. Ich habe mich eher mit Fantasybüchern und anderen nerdigen Dingen beschäftigt, anstatt mich für Sport zu interessieren und Fußball zu spielen. Außerdem war ich damals auch übergewichtig, was meine Außenseiterrolle zusätzlich verstärkte.

 

Wie aufgeschlossen war deine Heimat Nordrhein-Westfalen zu diesem Zeitpunkt?

Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. Dort spricht es sich schnell herum, wenn man anders ist. Und gerade in der Zeit des Heranwachsens, wenn du dazu gehören willst und erst noch herausfindest, wohin die Reise geht, willst du nicht derjenige sein über den die ganze Stadt spricht. Seinen Platz zu finden ist in einer solchen Umgebung nicht immer einfach.

 

Und dann hast du dich lieber mit Filmemachen beschäftigt, anstatt gegen diese Engstirnigkeit anzukämpfen?

Irgendwie schon. Während der Schulzeit war ich dann „Der Typ mit der Videokamera”. Gemeinsam mit Freunden hab ich meine Lieblingsfilme nachgedreht, zur damaligen Zeit war das Scream von Wes Craven. Da wurde dann viel mit Kunstblut experimentiert. Ich bin nach Dortmund gezogen, um Film- und Fernsehwirtschaft zu studieren und kam dort das erste Mal mit Schwulen und Lesben in Kontakt. Das machte es mir leichter mich zu öffnen. Dort hab ich mich dann das erste Mal verliebt. Das war spannend, weil es sich aus einer Freundschaft heraus entwickelt hatte und es nie wirklich klar war, ob es nur Freundschaft oder nicht doch mehr ist. Als dann tatsächlich mehr passiert ist, war es dann eines Tages einfach vorbei. Ich bin damals immer mit dem Auto an den Wochenenden nach Hause gefahren und war dieses Mal ziemlich fertig. Das hat meine Familie natürlich gemerkt. Die erste Frage meiner Mutter war, ob ich jemanden überfahren hätte. Daraufhin gestand ich ihr den Liebeskummer, wegen eines Jungen. Das war mein Coming-Out. Bis auf den Liebeskummer war das in der Familie relativ reibungslos. Für meine Mutter war das Problem, dass ich Liebeskummer hatte, ob wegen einem Jungen oder einem Mädchen war ihr ziemlich egal. Rückblickend erzählte sie mir, dass sie anfangs dachte, es wäre nur eine Phase, die vielleicht wieder vergeht. Meine Schwester hingegen behauptet, sie habe es schon immer gewusst.  

 

Dein Coming-Out ist also bis auf Herzschmerz gut gelaufen. Man könnte fast behaupten, dass du dich filmisch mit Problemen und Reibungen beschäftigst, welche du selbst nie erleiden musstest.

Das ist so nicht ganz richtig. Ich weiß, was es heißt, anders zu sein, und das in einem Umfeld, in dem du nur schwer du selbst sein kannst. Ich musste die Kleinstadt und deren Engstirnigkeit hinter mir lassen um zu mir selbst zu finden und zu stehen. Und es ist mir ein Anliegen Sichtbarkeit für diese Reibungen zu erzeugen. Langsam ändert sich die Wahrnehmung von Homosexuellen in Film und Fernsehen. Lange Zeit hat man homosexuelle Beziehungen äußerst selten auf der Kinoleinwand gesehen. Und wenn doch, dann haben die Charaktere wenig Identifikationsfläche geboten oder waren oft sogar negativ besetzt. Das ändert sich derzeit und hoffentlich gibt es irgendwann einen schwulen Spiderman und keinen kümmert es.

 

Wie würdest du die Behandlung dieser Themenbereiche in deinem aktuellen Kurzfilm „Own drum“ zusammenfassen?

In einer Gesellschaft mit normativen Rollenvorstellungen findet Barbie durch die Liebe zu einer Frau zu sich selbst.

 

Du musst zugeben: Nachdem man den Trailer gesehen hat, wirkt dein Bild unserer Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß und leicht übertrieben.

Es ist eine Überspitzung, welche mit den Klischees der Barbiewelt spielt: Einer Welt, mit der obersten Maxime, dem anderen Geschlecht zu gefallen. Diese Welt lebt von Oberflächlichkeiten und eng gefassten Rollenerwartungen. Barbie lebt in dieser Welt, sehnt sich aber nach etwas ganz Anderem – nach Liebe und Geborgenheit in den Armen einer Frau.

 

Was ist deine Perspektive als Wahlberliner auf Homosexualität in Deutschland im Jahr 2013?

In Berlin, wie in den meisten Metropolen, ist es natürlich ein bisschen anders, als im Rest der Welt. Aber auch das täuscht: Es mag zwar viele nicht mehr interessieren ob du auf Jungs stehst oder nicht, aber genauso gibt es auch hier noch homophobe und transphobe Übergriffe, beispielsweise die letzten zwei Fälle aus Kreuzberg. Noch schwieriger wird es in den ländlicheren Teilen Deutschlands. Dort wachsen immer noch junge Menschen umgeben von einer homophoben Stimmung auf und haben es schwer sich zu outen. Sie lernen leider immer noch das Gleiche wie ich zu meiner Zeit. „Schwul“ ist ein Schimpfwort auf dem Schulhof und nichts mit dem man sich identifizieren möchte. Mit einer CDU und Angela Merkel an der Regierung ist klar, dass es in Sachen rechtlicher Gleichstellung von Homosexuellen keine weiteren Schritte geben wird. Da muss schon das Bundesverfassungsgericht auf die Füße treten und selbst dann wird nur widerwillig und langsam reagiert. Wenn man über den Tellerrand schaut, sieht man die beängstigenden Entwicklungen in Russland und wie wenig und halbherzig von deutscher Seite politisch darauf reagiert wird. Gleichberechtigung zu leben heißt auch sie zu verteidigen und zu schützen. Es gibt also noch einige Baustellen bis wir an einem Punkt sind, wo es keine Rolle mehr spielt wen wir lieben.

 

(Interview: Heinrich Lipner, Fotos: Kevin Nerlich)


www.kaistaenicke.com


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